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Markttechnik lesen

Profis prognostizieren das Zinsniveau nicht – sie lesen ab, was der Markt schon eingepreist hat, und wo das Angebot herkommt. Fünf Signale und eine Wochenroutine. Sechs Karten, jede mit Schaubild. Lesezeit: etwa 7 Minuten.

Auktionen: Wo das Angebot herkommt

Der Bund leiht sich Geld per Auktion: Die Finanzagentur veröffentlicht jedes Quartal den Emissionskalender – welche Laufzeit wann in welchem Volumen kommt. Banken bieten, die Bundesbank teilt zu. Große Volumina drücken auf die Kurse der laufenden Anleihen, schon Tage vorher.

Das Ergebnis liest du in einer Zahl: Bid-to-Cover, Gebote geteilt durch Zuteilung. Über 2 heißt gefragt, unter 1,5 heißt zäh – dann steigen die Renditen oft weiter. Bei Unternehmen läuft es über Syndikate; die Neuemissionsprämie (ein paar Basispunkte über der laufenden Anleihe) zeigt, wie hungrig der Markt ist.

So liest du ein Auktionsergebnis

Kalender und Ergebnisse veröffentlicht die Finanzagentur (deutsche-finanzagentur.de), Auktionen laufen über die Bundesbank. Zahlen hier erfunden, Struktur echt.

Kurz gesagt: Emissionskalender = das Angebot der nächsten Wochen. Bid-to-Cover = wie gern es genommen wird.

Leitzins: Nicht der Wert zählt, sondern die Erwartung

Der Einlagesatz der EZB steht in der Zeitung. Was du dort nicht liest: welche Schritte der Markt für die nächsten Sitzungen schon eingepreist hat. Die kurzen Laufzeiten handeln diese Erwartung – deshalb bewegt sich die 2-jährige oft Monate vor der EZB.

Die Regel: Nur die Überraschung bewegt den Markt. Senkt die EZB wie erwartet, passiert nichts. Senkt sie nicht, obwohl der Markt es erwartet hat, steigen die Renditen. Wer die Erwartung kennt, weiß, was „gut“ und „schlecht“ an einem EZB-Tag bedeutet.

Was der Markt einpreist – Beispiel

Treppe: Einlagesatz heute 2,50 Prozent, vom Markt erwartet 2,25 nach der nächsten Sitzung, 2,00 danach, dann Pause. Ein Halten bei 2,50 wäre eine Überraschung nach oben.2,502,252,00heute 2,50 %eingepreist: zwei SenkungenHalten = Überraschungnächste Sitzungübernächstedanach↑ Einlagesatz in %EZB-Sitzungen →

Angenommener Pfad. Den echten liest du aus den €STR-Terminsätzen (Overnight-Index-Swaps), die Nachrichtenagenturen vor jeder Sitzung als „vom Markt erwartet“ zitieren.

Kurz gesagt: Der Markt handelt die Erwartung, nicht den Beschluss. Nur die Abweichung davon bewegt deine Kurse.

Die Zentralbankbilanz: der größte Käufer geht

Von 2015 bis 2022 kaufte die EZB Anleihen für Billionen (Quantitative Easing) – ein Käufer, der nie auf den Preis schaut, drückt die Renditen. Seit 2023 lässt sie die Bestände auslaufen: Quantitative Tightening. Was fällig wird, kauft sie nicht nach.

Für dich heißt das: Der Markt muss jedes Jahr mehr Anleihen aufnehmen – die des Staates plus die, die aus der EZB-Bilanz zurückkommen. Das hebt die Laufzeitprämie: Lange Laufzeiten bringen wieder spürbar mehr als kurze, und der Roll-down lohnt sich wieder.

Kaufen oder auslaufen lassen

Die Bilanzsumme des Eurosystems und die Anleihebestände (APP, PEPP) veröffentlicht die EZB wöchentlich.

Kurz gesagt: Kauft die Zentralbank, sind lange Laufzeiten teuer. Zieht sie sich zurück, bezahlt der Markt dich wieder fürs Warten.

Swap-Spread: Ist die Bundesanleihe noch knapp?

Banken tauschen untereinander feste gegen variable Zinsen; der feste Satz für zehn Jahre ist der Swap-Satz – der Zins ohne Staat. Die Bundesanleihe rentierte jahrzehntelang darunter: Wer den sichersten Schuldner will, zahlt einen Knappheitsaufschlag.

Seit Ende 2024 ist das zeitweise gekippt: Die 10-jährige Bundesanleihe rentiert über dem Swap-Satz. Nicht, weil der Bund unsicher wäre – sondern weil viel mehr Bundesanleihen kommen (Sondervermögen, gelockerte Schuldenbremse) und die EZB weniger hält. Für dich: Bund ist nicht mehr überteuert, und Pfandbriefe oder Agenturen bringen relativ weniger Extra als früher.

10 Jahre: Swap-Satz und Bundesanleihe – Beispiel

Swap-Spread früher +30 → heute−5 Bp

Werte angenommen; die Größenordnung entspricht dem Wechsel seit Ende 2024. 1 Basispunkt (Bp) = 0,01 Prozentpunkte.

Kurz gesagt: Swap-Spread = Preis der Knappheit. Positiv: Bund ist teuer. Negativ: Bund ist reichlich – und fair bezahlt.

Breakeven-Inflation: Was der Markt erwartet

Der Bund hat inflationsindexierte Anleihen, die eine reale Rendite zahlen. Nominale Rendite minus reale Rendite = Breakeven-Inflation – die Inflation, bei der beide gleich abschneiden. Liegt sie bei 2,0 %, erwartet der Markt im Schnitt 2 % Inflation über die Laufzeit.

So nutzt du sie: Erwartest du mehr Inflation als der Breakeven, ist die indexierte Anleihe die bessere Wahl – erwartest du weniger, die nominale. Und die Zahl sagt dir, was von deiner nominalen Rendite real übrig bleiben dürfte. Die aktuellen Werte stehen täglich auf der Seite Realzins.

Nominal, real, Breakeven – Beispiel 10 Jahre

Breakeven = 2,6 − 0,62,0 %

Angenommene Werte. Der Breakeven enthält auch eine kleine Risikoprämie und schwankt mit der Liquidität der indexierten Anleihen – er ist eine Marktmeinung, keine Prognose.

Realzins: die Breakeven-Werte heute →

Kurz gesagt: Breakeven = nominal minus real = die Inflation, die der Markt einpreist. Deine Meinung dagegen entscheidet: indexiert oder nominal.

Die Wochenroutine: fünf Blicke, zehn Minuten

Du brauchst kein Bloomberg-Terminal. Ein fester Blick pro Woche auf fünf Signale reicht, um zu wissen, in welchem Regime der Markt gerade ist – und ob deine Strategie noch zur Kurve passt.

Die Reihenfolge ist Absicht: erst die Kurve (das Gesamtbild), dann die Aufschläge (das Risiko), dann Inflation und EZB (die Richtung), zuletzt der Kalender (das Angebot). Alles außer den beiden Kalendern findest du auf dieser Website, täglich aktualisiert.

Signal · wo · was es dir sagt

SignalWoSagt dir
ZinskurveZinskurve seit 1972steil, flach oder invers – lohnt lang?
AufschlägeRisikoaufschlägeAngst oder Ruhe – Bonität wählen
Realzins, BreakevenRealzins seit 1970was nach Inflation bleibt
EZB-TerminEZB-Kalender, 8 Sitzungen im Jahrerwartet vs. beschlossen
EmissionskalenderFinanzagentur, je QuartalAngebot der nächsten Wochen

Dazu monatlich die Inflationszahl (Destatis, Schnellschätzung am Monatsende) – sie bewegt die Erwartung an die EZB am stärksten.

Übersicht Zinsen: alle Datenseiten →

Kurz gesagt: Kurve, Aufschläge, Realzins, EZB, Kalender – einmal die Woche. Nicht um zu handeln, sondern um nicht überrascht zu werden.

Diese Seite erklärt Marktsignale. Sie ist keine Zinsprognose und keine Anlageberatung. Zahlen in den Schaubildern sind Beispiele, wo nicht anders angegeben.

Datenquellen und Methodik

Auktionen. Emissionsplanung und Auktionsergebnisse: Bundesrepublik Deutschland – Finanzagentur GmbH (Quartalsvorschau, Ergebnisse je Tender), Durchführung über das Bund-Bietungs-System der Deutschen Bundesbank. Bid-to-Cover = Gebotsvolumen ÷ Zuteilung; die Marktpflegequote ist der Anteil, den der Bund für die spätere Abgabe im Sekundärmarkt zurückbehält. Die Zahlen in Karte 1 sind erfunden.

Erwartungen. Eingepreiste Leitzinsschritte werden aus €STR-Overnight-Index-Swaps (Euroraum) bzw. Fed-Funds-Futures (USA) abgeleitet; der Pfad in Karte 2 ist angenommen. EZB-Einlagesatz seit 2019 und die Historie stehen auf der Seite Zinsniveau.

Bilanz. Ankaufprogramme APP (ab 2015) und PEPP (2020–2022) des Eurosystems; seit März 2023 Abbau der APP-Bestände durch Nichtwiederanlage, seit 2025 auch PEPP (EZB, wöchentlicher Finanzausweis, Statistical Data Warehouse).

Swap-Spread. Differenz zwischen dem 10-jährigen Euro-Zinsswap (fest gegen 6-Monats-Euribor bzw. €STR) und der Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe. Seit dem vierten Quartal 2024 zeitweise negativ (Bund über Swap); die Zahlen in Karte 4 sind Beispiele für die Größenordnung, keine Tageswerte.

Breakeven. Nominale Rendite einer Bundesanleihe minus reale Rendite der inflationsindexierten Bundesanleihe gleicher Laufzeit (Index: HVPI Euroraum ohne Tabak); tagesaktuelle Werte und die drei umlaufenden indexierten Bundesanleihen auf der Seite Realzins. Die Zahlen in Karte 5 sind angenommen.